Ganz normal anders – mein Weg in den Parasport

Ich wurde als Frühchen geboren und habe seit meiner Geburt ein körperliches Handicap. Im Alter von drei Jahren setzten mich meine Eltern zum ersten Mal auf ein Pony und gingen mit mir im Wald spazieren. Ich wuchs in der wunderschönen Pfalz auf und im Alter von zehn Jahren war ich – dank einer Empfehlung meiner damaligen Krankengymnastin – dem Pferdevirus verfallen. Aus dem Ziel, durch das Reiten Gleichgewicht und Koordination zu verbessern, wurden nach Longenstunden die ersten integrativen Abteilungsstunden. Im Jahr 2004 bekam ich mein damaliges Lieblingspony, auf dem ich auch reiten gelernt hatte, als Pflegepferd, welches ich knapp zehn Jahre in ihrem Leben begleiten durfte. Sie war definitiv der Lehrmeister meiner Jugend und ich kann mit Stolz sagen, dass Pferde uns Menschen nachhaltig prägen – und in ihrer ganz eigenen Art verändern – denn ohne die Pferde wäre ich heute nicht der Mensch, der ich bin.

Es folgte im Jahr 2008 die nationale Klassifizierung im Paradressursport. 2010 absolvierte ich mein kleines Reitabzeichen mit Dispens im Springen. Von 2008 bis 2010 nahm ich an integrativen Reitturnieren sowie an Förderlehrgängen für Reiter mit Handicap auf rheinland-pfälzischer Landesebene teil und bekam 2011 die Chance, einen  Haflingerwallach selbstständig bis zur Klasse L dressurmäßig auszubilden und zu fördern, bevor es mich zum Studium in die Weltkulturerbe- und meine absolute Herzensstadt Bamberg zog. Nach einer sich endlos ziehenden Suche nach fundiertem Reitunterricht wurde ich 2012 schließlich fündig und bis Ende 2015 von ganz lieben Menschen und ihrer Reitponyzucht unterstützt. Das Team war meinem Handicap gegenüber sehr offen und hat mich reiterlich nachhaltig geprägt.
Im Jahr 2014 erhielt ich bei einer Reittherapeutin in Honings die Möglichkeit, mein erstes Regelturnier zu reiten und kaufte mir im Dezember jenen Jahres zudem meine erste Spiegelreflexkamera. Das Reiten begleitete mich derweil, wobei ich mich, mangels eines passenden Turnierpferdes, aus dem aktiven Nachwuchs-Turniersport größtenteils zurückzog. So konzentrierte ich mich auf meine private reiterliche Fort- und Weiterbildung sowie die Vertiefung meiner reiterlichen praktischen Fähigkeiten, begleitete Freunde auf ihre Turniere, stand ihnen dort sowie im privaten Training auf Anfrage unterstützend zur Seite und intensivierte meine Fotografie durch die Möglichkeit der Veröffentlichung der Fotos in Fachzeitschriften in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Während meines Studiums durfte ich auf unterschiedlichen Fremdpferden unter anderem bei den namhaften Ausbildern Eckart Meyners, Heike Hackenjos, Rolf Grebe, Ludger Schulze-Niehues, Britta Schöffmann und Isabelle von Neumann-Cosel trainieren, die meinen reiterlichen Lebensweg und meine Einstellung zum Sportpartner Pferd nachhaltig mitgestalteten. 2015 konnte ich am LLZ Ansbach durch geduldiges Training „step by step“ und einem Kleinpferd mit einem unglaublich tollen Interieur den Umstieg schaffen und stellte mich 2016 erstmals der mit Sehbehinderung größten Herausforderung: dem 20x60er Viereck. In den Frühjahren 2017 und 2018 sowie abermals im Herbst 2018 durfte ich die Ausbilderkurse für die Qualifikation im Reitsport für Menschen mit Behinderung auf Bundesebene als reitender Proband aktiv mitgestalten und erhielt im Sommer 2017 zudem die große Ehre, den Parasport der Bundesverteidigungsministerin und (im Juli 2019 neu ernannten) EU-Kommissionspräsidentin vorstellen zu dürfen. Im Juli 2018 absolvierte ich die Prüfung zum Trainerassistenten bei Ulrike Mohr, um den Reitsport in einem positiven Weg fördern und Reiter und Pferde nachhaltig unterstützen zu können.  Drei Monate später, im Herbst 2018, zog es mich nach Abschluss meines Masterstudiums in Kommunikationswissenschaft beruflich nach Warendorf, bevor ich mich 2019 aus selbigen Gründen wieder im Großraum Freiburg niederließ.

„Anja, Du hast einen ganz entscheidenden Vorteil: Du hast ein enormes Rhythmusgefühl!“ (Eckart Meyners, 2010)

„Reitest Du den Spanier wirklich erst drei Wochen? Das sieht man absolut nicht. Hut ab!“ (Britta Schöffmann, 2017)